Wieder zurück von unserem wortwörtlichen Höhenflug über das Okavango Delta verlassen wir Maun und machen uns auf den Weg entlang des teils stark ausgetrockneten Boteti Rivers und der westlichen Grenze des Makgadikgadi Pans National Parks bestehend aus riesigen Salzpfannen, die immer wieder mit riesigen Baobab Bäumen verziert werden. Trotz einiger Abstecher links und rechts der Hauptstraße sichten wir entlang der Strecke keine nennenswerten Wildtiere – wahrscheinlich sind diese aufgrund der Trockenheit längst weitergezogen, mutmaßen wir. Gegen abends entdecken wir einen wunderschönen Wildcamping Spot am Lauf des beinahe restlos ausgetrockneten Flusses – nur noch ein kleines Wasserloch ist übrig, an dem zwei Jungen fischen.

Nachdem wir einiges Holz fürs Lagerfeuer zusammengetragen haben, kommen die zwei schüchternen Teenager bei unserem Nachtquartier vorbei. Sie fragen, ob wir einen ihrer imposant wirkenden Fische (vermutlich Wels) abkaufen wollen, was wir verneinen. Auf unsere Frage, ob es in Ordnung ist hier nachts mit dem Auto stehen zu bleiben, nicken die beiden und meinen, dass wir einen ganz guten Platz ausgesucht hätten – da wir hier wohl einigermaßen gut vor Elefanten geschützt wären. „Welche Elefanten?“ wundern wir uns und entdecken mit Schrecken die vielen Elefanten-Boller und einige ramponiert wirkende Bäume, die unseren Stellplatz umgeben. Da muss das Feuer heute Abend wohl doch etwas üppiger ausfallen, damit wir beruhigt schlafen können.

Und tatsächlich, kurz nach Sonnenuntergang als das Feuer gemütlich vor sich hin prasselt, erwacht die Natur um uns herum. Wir hören Tierrufe, seltsame Geräusche, die sich wie in Wasser plantschende Rüssel anhören und viele weitere ungewohnte Laute. Ein traumhafter Abend unter Sternenhimmel bricht an und ich liege noch lange wach, um den Geräuschen der Wildnis zu lauschen. Zu gerne hätte ich jetzt ein Nachtsichtgerät zur Hand, um zu verstehen, wer oder was sich tatsächlich gerade um unser Auto herumschleicht und welche Szenen sich an den kläglichen Wasserresten ganz in unserer Nähe abspielen. Doch dieses Geheimnis bleibt uns aufgrund des dunklen Vorhangs, der uns trotz des Sternenhimmels und des Vollmonds umgibt, verborgen.


Der nächste Morgen beginnt wieder mit einer Suche – dieses Mal nicht nach Wasser, Benzin oder dem richtigen Weg, sondern nach WLAN. Die letzten Wochen unserer Reise brechen an und die Gedanken an zuhause und der beruflichen Zukunft bleiben damit leider nicht aus. Die ein oder andere Headhunter-Anfrage, die während der Reise ungelesen geblieben ist, beginne ich seit ein paar Tagen zu beantworten und tatsächlich hat sich daraus ein Video-Interview für den nächsten Tag ergeben, für den ich einigermaßen stabiles Internet benötige. Gar nicht so leicht auf so einer Reise, wo man zwei Tage vorher kaum ahnen kann, wo man am Tag des Jobinterviews tatsächlich sein wird. Ich hadere ein wenig mit meiner Entscheidung mich so abrupt wieder in die Alltagsrealität zurückholen zu lassen – so fern erscheint doch die Zeit, in der man ohne mit der Wimper zu zucken runterbeten konnte, welche schulischen und beruflichen Schritte man schon bestritten hat und warum man doch die perfekte Kandidatin für den Job wäre. All dies scheint in einem anderen Leben gewesen zu sein – einem Leben, wo man nicht wie hier in Botswana im Hier und Jetzt lebt, kaum Zeit hat das gestern Erlebte vollständig zu verarbeiten, da einem tagsüber so viele neue Eindrücke mitreißen und man maximal bis an morgen, den nächsten Übernachtungsplatz und das nächste Etappen-Ziel oder die nächste Landesgrenze denkt. Ich bekomme einen kleinen Vorgeschmack davon, was es heißt wieder ins „alte Leben“ zurückzukehren und kann in diesem Moment wohl nur erahnen, dass es nicht immer leicht sein wird, wieder Fuß zu fassen in der Heimat. Doch jetzt gilt es erste einmal schnelles Netz zu finden – die trüben Gedanken an den Arbeitsalltag zuhause können dagegen erst einmal warten. Nach dem erfolglosen Aufsuchen von zwei möglichen Übernachtungsplätzen mit (instabilem) Internet, finden wir eine kleine Lodge in der Nähe von Orapa.


Die Lodge ist sehr gut gepflegt, doch neben WLAN und fließend Wasser, gibt es noch eine Besonderheit: Über die Chefin der Lodge können wir ein Permit organisieren, das uns erlaubt in eine Diamantenmine zu fahren. Hört sich im ersten Moment vielleicht nicht sonderlich spektakulär an, ist es aber. Die Diamanten Mine Orapa des kanadischen Unternehmens ist der weltweit größte Tagebau für Diamanten. Der Einlass in die herausgeputzte Stadt mit angeschlossener Mine gleicht einem Hochsicherheitstrakt. Wir müssen mehrere Gates durchqueren, uns in diverse dicke Bücher eintragen und erhalten dann die Erlaubnis zwar nicht die Mine selbst, dafür aber den Park der Diamantenmine zu besichtigen. Dabei ahnen wir noch nicht, dass wir so viele Nashörner sehen werden, wie wahrscheinlich in unserem ganzen Leben nicht mehr. Auf der Safari durch den sehr ordentlich angelegten Park beginnt man beinahe zu vergessen, dass diese dicken & imposanten Grauhäuter mit Hörnern auf der Nase vom Aussterben bedroht sind – so zahlreich laufen sie hier einem über den Weg. Der Hochsicherheitstrakt, der ja im ersten Schritt Diebe vor dem Entwenden von Diamanten abhalten soll, scheint auch sämtliche Wilderer erfolgreich abzuschrecken hier einzudringen und den Dickhäutern die Hörner abzuschneiden. Ein wirklich skurriler Nachmittag geht zu Ende – zumal wir für diese sehr spezielle Erfahrung nicht einmal Eintritt zahlen mussten.










Am nächsten Morgen bringe ich mein einstündiges Jobinterview per Skype-Call unter freiem Himmel sitzend und ohne größere Internetprobleme hinter mich. Danach starten wir zur Goo-Moremi Gorge – ein Wander-Tipp aus dem Reiseführer. Leider stellt sich der 1,5 stündige Walk, den man nur mit kostenpflichtigen Guide zurücklegen kann, als 45 Minuten dauerndes Spektakel heraus, das an einem überschaubaren Wasserfall endet, wo einige andere Touris lärmend um einen herumspringen und Fotos knipsen.

Die umliegende Landschaft mit einigen Bamboos, Felsgeiern und Murmeltieren, die herumflitzen, ist zwar ganz schön, aber die ganze Aufmachung & Organisation erscheint doch etwas lieblos für unsere Begriffe und zu sehr auf Touristenscharen konzipiert, die hier in kürzester Zeit durchgeschleust werden sollen. Wir gönnen uns noch einen kurzen Besuch & einen Drink in der Lodge, von deren Terrasse man einen sehr schönen Blick über das weitläufige Terrain hat. Pünktlich zum Sonnenuntergang ziehen wir uns aber mit unserem Auto zum Wildcampen in den nahegelegenen Mopane Forest zurück – eine Art Baumbusch mit dicken Hülsenfrüchten, der uns genügend Sichtschutz zur Straße liefert und uns eine ruhige letzte Nacht in Botswana beschert.

